„Aber eine Ladesäule rechnet sich nicht!“

In der Community der Elektromobilisten tobt ein erbitterter Kampf.

Auf der einen Seite stehen diejenigen, die auch Kilowattstundenpreise von 50 Cent und mehr für vertretbar halten, um die Ladeinfrastruktur profitabel betreiben zu können.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die Preise deutlich über den Haushaltstrompreisen (über 30 Cent/kWh) für inakzeptabel halten.

Ich gehöre zur zweiten Gruppe, denn ich bin der Meinung, dass die Elektromobilität zwingend notwendig ist, sich aber nur durchsetzen wird, wenn Strom flächendeckend, zuverlässig und einigermaßen günstig zur Verfügung steht. Und Preise über 30 Cent/kWh halte ich nicht für günstig.

„Aber eine Ladesäule rechnet sich bei 30 Cent/kWh nicht!“

Das ist das Totschlagargument der Befürworter von hohen Preisen.

Und sie haben Recht!

Wer heute eine Ladesäule aufstellt und maximal 30 Cent/kWh verlangt, wird sehr wahrscheinlich draufzahlen.

Niemand weiß, wie die Ladeinfrastruktur in 5 Jahren aussehen wird. Ob dann noch immer mit CCS- oder Typ2-Stecker und dickem Kabel geladen wird oder ob wir nicht vielleicht doch eher auf Induktionsladung umstellen.

Wer heute eine Ladesäule aufstellt mit dem Ziel durch die Einnahmen aus dem Stromverkauf ein Geschäft zu machen, wird eine Enttäuschung erleben. Auch mit Preise von teilweise 80 Cent/kWh.

Warum?

Menschen sind geizig. Und die meisten können rechnen. Zumindest ein bisschen.

Wenn an einer Ladesäule 80 Cent/kWh verlangt werden, rechnet Otto Normalverpester:

„Mein Auto braucht im Schnitt 20 kWh/100 km. Also kosten mich 20 kWh/100 km x 80 Cent/kWh = 16 €/100 km.“

„Aber für 16 € bekomme ich ja über 14 Liter Diesel!“

Stimmt. Und deshalb fährt Otto Normalverpester weiter Diesel, wenn der Strom an einer Ladesäule 80 Cent/kWh kostet. Diesel ist nämlich billiger.

Wenn man für einen 08/15-Pkw mal einen Verbrauch von 6 Litern Diesel auf 100 km annimmt (das dürfte für die meisten Fahrzeuge problemlos hinkommen), sind das bei den aktuellen Dieselpreise also 6,60 €/100 km.

Bei einem Flottenverbrauch von 20 kWh/100 km – und das wird langfristig nicht unrealistisch sein, denn die Leute fahren nicht alle einen platten IONIQ sondern auch einen SUV oder andere Energiefresser – entspricht das also 33 Cent/kWh. Drunter ist das Elektroauto billiger, drüber der Diesel.

„Aber die Solaranlage auf dem Dach! Damit kann er doch viel billiger laden und dann sind die 80 Cent/kWh auf den wenigen Langstrecken doch nicht so schlimm!“

Doch, denn Otto Normalverpester denkt nur von 12 bis Mittag. Wenn er die 350 km zu Omma fährt, sieht er, dass er auf dieser Fahrt mehr als das doppelte von dem bezahlen soll, was er bisher mit seinem Diesel bezahlt hat – und fährt weiter Diesel. Dass er im Schnitt durch die Solaranlage auf seinem Dach günstiger kommt, spielt hier keine Rolle. Das rechnet am Ende auch kaum einer aus.

Otto Stadtverpester interessiert das sowieso nicht. Er wohnt zur Miete und hat keine Solaranlage, muss die 80 Cent/kWh also jeden Tag ablatzen. Das ist teurer als der bisherige Diesel. Immer.

Was nun?

Strom muss bezahlbar sein! Auch für Autofahrer. Eine Kilowattstunde darf nicht mehr als 30 Cent kosten.

„Aber das rechnet sich nicht!“

Stimmt. Das hatten wir oben schon. Und wisst ihr was? Das ist scheißegal!

Wisst ihr, was sich noch alles nicht „rechnet“?

  • Straßenbeleuchtung
  • Öffentlichen Personennahverkehr
  • Gehwege
  • Parks
  • Theater
  • Springbrunnen
  • Verwaltung
  • Kindergärten
  • Universitäten
  • Schulen
  • Uhr am Rathausturm
  • Bundeswehr
  • Nachmittagsspaziergang
  • Breitensport

Interessant, oder? Fast nichts im täglichen Leben „rechnet sich“. Die meisten Dinge sind einfach da und werden gemacht oder bezahlt, obwohl sie sich „nicht rechnen“. Weil die Menschen es einfach wollen oder es über den direkten betriebswirtschaftlichen Wert hinaus eine Bedeutung hat.

Eine Ladesäule muss sich nicht rechnen.

„Aber für meinen Diesel muss ich doch auch bezahlen!“

Richtig! Aber du zahlst nicht den vollen Preis. Und ich sage ja auch nicht, dass der Strom kostenlos sein soll. Aber es muss sich nicht rechnen.

Die eigentlichen Kosten für diesel- und benzingetriebene Fahrzeuge, das habe ich in dem separaten Artikel „Aber ich kann mir kein Elektroauto leisten …“ bereits vorgerechnet, liegen deutlich über den Kosten, die Otto Normalverpester an der Tanksäule bezahlt. Und kaum jemand beschwert sich darüber. Das wird stillschweigend akzeptiert, weil es schon immer so war.

Warum darf das bei Fahrstrom nicht auch so sein? Warum muss es sich gerade hier „rechnen“?

Ein Elektroauto sorgt dafür, dass die sonst durch den stattdessen betriebenen Verbrenner entstehenden Schäden nicht realisiert werden. Allein durch den Umstieg von Verbrenner auf ein Elektroauto entsteht der Gesellschaft also ein Schaden nicht mehr. Ein Schaden, der sogar berechnet werden kann. Ganz konkret in Euro.

Wenn wir dieses Geld (jedes Jahr über 90 Milliarden Euro!) nehmen und in die Infrastruktur für Elektroautos stecken, können wir so viele Ladesäulen bauen und betreiben, dass wir vor Ladesäulen kaum noch treten können! Und selbst dann hätten wir keinen Cent mehr ausgegeben als bisher, sondern lediglich das Geld, dass wir bisher für die Schäden durch Verbrenner ausgeben mussten, in Infrastruktur gesteckt. Selbst wenn man davon die Mineralölsteuer abzieht und auch die Kfz-Steuer, bleibt am Ende noch immer die Hälfte für Infrastruktur übrig. Mehr als genug Geld!

Da der Strom am Ende aber nicht verschenkt wird, sondern vielleicht genau das kostet, was wir sonst für Toaster und Fön bezahlen und auf dieser Strom saftige Steuern und Abgaben drauf sind, kommt am Ende sogar noch ein Plus dabei raus!

Zusammengefasst: Ladesäulen müssen sich nicht rechnen, denn Ladesäulen rechnen sich!

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